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Römer 8, 18

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Ich bin überzeugt,
dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit,
die an uns offenbart werden soll.
Römer 8, 18


Der Apostel Paulus vergleicht unser irdisches, alltägliches Leben mit dem ewigen, ganz und gar nicht alltäglichen, noch ausstehenden Leben. Bei diesem Abwägen fällt das Leben auf der Erde natürlich nicht ins Gewicht. Liegt auf der einen Waagschale der Himmel mit seiner ewigen Freude, dann gibt es nichts, was auf der anderen Waagschale dem an Gewicht gleichen könnte. Aber warum muß immer, wenn vom irdischen Leben gesprochen wird, vom Leiden gesprochen werden? Das oft so alltägliche Leben ist doch auch schön. Das Leben ist aber oft auch eine Leidensgeschichte, voller Rätsel, voller Dinge, die ich nicht verstehe, am Ende steht der Tod.
Im Kirchenjahr sind wir in der Passionszeit. Wir Christen bedenken das Leiden und Sterben Jesu, denken aber auch an das Leiden der Menschen heute. Der Stacheldraht auf dem Bild erinnert mich z.B. an das Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba. Es gibt viele solcher Schreckensorte. Menschen werden gefoltert, gequält, sitzen in Todeszellen und warten oft jahrzehntelang auf den Tag ihrer Hinrichtung.
Paulus erinnert die Römer an den Zusammenhang von Leid und Herrlichkeit. Er fühlt sich in seinem Leiden mit dem leidenden Christus verbunden. Er tröstet die Christen in Rom, die unter mancherlei Verfolgung leiden. Menschen verlieren wegen ihres Glaubens ihr Leben. Und trotzdem ist er zutiefst überzeugt: Was kann uns schon passieren, wenn es hinterher so herrlich ist. Im Glauben läßt uns Gott schon einen Blick auf das werfen, was danach kommen wird. Jesu Passion, sein Sterben ist Paulus wichtig, aber in einem Atemzug erinnert er an Jesu Auferstehung, an das, was danach kommt.
Wie kann ich heute bei einer Trauerfeier nicht nur vom Leid, sondern auch von der „zukünftigen Herrlichkeit“ sprechen, trauernde Menschen trösten? Ich helfe mir z. B. mit einer Liedstrophe. 1656 dichtete Paul Gerhardt das Lied „O, Haupt voll Blut und Wunden“. In vielen Trauergottesdiensten singen wir die neunte Strophe:
„Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir, wenn ich den Tod soll leiden, so tritt du dann herfür; wenn mir am allerbängsten wird um das Herze sein, so reiß mich aus den Ängsten kraft deiner Angst und Pein.“
Der dreißigjährige Krieg ist 1656 gerade 8 Jahre vorbei. Was hat Paul Gerhardt an Leid gesehen, selbst in seiner Familie erlebt! Drei von seinen vier Kindern starben im ersten Lebensjahr. Daneben bestand ständig die Gefahr einer raubenden, mordenden Soldateska in die Hände zu fallen. Es wütete die Pest. Die Menschen waren durch den Krieg entwurzelt, was war das für eine Zeit des Leidens!
„Ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.“
Paul Gerhardt hat die Höllenerfahrungen im Diesseits seiner Zeit nicht ausgeklammert, er hat aber so davon gesprochen, dass Überwindung aufleuchtete. Sein Trost hat etwas Trotziges an sich. In der Schwäche fand er eine Glaubensstärke, fand er Worte des Trostes, die noch nach 400 Jahren Menschen trösten.
Der Monatsspruch stellt diesseitiges Leid und jenseitige Herrlichkeit gegenüber. Auch bei Paul Gerhardt gehören Diesseits und Jenseits zu der einen Welt Gottes.
Die Himmelssehnsucht, die Sehnsucht nach der „Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll“ macht uns nicht zu weltfremden Menschen, sondern zu Menschen, die sich in großer Gelassenheit den Schönheiten und Leiden der Erde und ihren Menschen zuwenden können.
Nur, wer die Gottesnähe im Glauben spürt, kann sich auch mit dem Leid auseinandersetzen. Für Paul Gerhardt ist das einleuchtend und sicher.
„Mein Herze geht in Sprüngen und kann nicht traurig sein, ist voller Freud und Singen, sieht lauter Sonnenschein. Die Sonne, die mir lachet, ist mein Herr Jesu Christ; das, was mich singend machet, ist was im Himmel ist.“

Rainer Schling