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Offenbarung 21, 5


  

„Seht, ich mache alles neu.“
Offenbarung 21, 5b


Die Frau zieht das schwarze Kleid über und schaut in den Spiegel. Ihre Wangen sind blass. So ist das also, denkt sie. Und kann nicht begreifen, dass der geliebte Mann nie wieder zur Tür hereinkommt. Auf dem Friedhof drücken ihr die Menschen die Hand. Wie von fern nimmt sie wahr, was sie nicht wahrhaben will: ein Grab, Kränze, Blumen ... Und wie von fern hört sie die Stimme der Pfarrerin: „Gott spricht: Seht, ich mache alles neu.“
Wie hinter einer Glasscheibe spielt sich das Leben außerhalb ab. Unwirklich, ohne Sinn. „Die Zeit heilt alle Wunden“, sagen die Freunde. Aber was ist Zeit? Sie ist stehen geblieben wie eine kaputte Uhr. Sie spürt keine Zeit, nur Leere. Tage, Wochen, Monate vergehen. Die Uhr beginnt sich zu bewegen. Langsam und leise zuerst. Dann irgendwann im gleichmäßigen Rhythmus. Eines Tages zieht sie das schwarze Kleid aus. Sie räumt die Wohnung um, kauft neue Möbel, ein neues Radio. Sie will ihr Leben neu ordnen.
Der Satz aus der Bibel geht ihr nicht aus dem Kopf: „Seht, ich mache alles neu.“ Alles? Es gelingt ihr nicht. Ihr altes Leben bleibt immer nah. Es ist alles anders geworden, ja, aber nicht wirklich neu. Sie kommt zurecht. Die Wunden sind verheilt, aber die Narben sind geblieben und schmerzen dann und wann. Doch sie spürt immer deutlicher: Da ist einer, der mehr kann als eine Wohnung umzuräumen und Wunden zu heilen. Es gibt einen Grund, auf dem sie stehen kann.
Auch viele von uns haben in diesem ausgehenden Kirchenjahr die Nähe des Todes erfahren. Wir mussten Abschied nehmen von Menschen, die uns nahe standen und uns lieb waren. Und heute noch treibt uns der Gedanke an diese Menschen Tränen in die Augen! Der Schmerz ist noch da. Die Wunden sind frisch. Ob sie sich jemals schließen?
„Siehe ich mache alles neu.“ An diesem Satz kann ich meine Hoffnung festmachen, denn es liegt so viel in diesen Worten: Gott weiß um das Alte, um das Vergangene, immer ist er in unserer Nähe. Er hat gesehen, wie wir in jenen Tagen um unsere Mutter geweint haben, er war neben uns, als der Schmerz um den Vater so beschwert hat. Er hat sich mit uns gegrämt, als sich unsere Tage um unser Unglück gedreht haben wie eine Mühle. Keinen Seufzer haben wir getan, den er nicht gehört hätte. Gott ist in unserer Nähe, er lässt uns mit unserer Trauer nicht allein. Erinnern wir uns: Wie war das denn in den Tagen nach dem Tod des lieben Menschen? Gewiss wir haben uns gewünscht, es möchte nicht geschehen sein. Aber haben wir vom Ende jenes Lebens her nicht erst erkannt, was es auch bedeutet hat. Haben wir hier nicht erst den Wert der Tage ermessen, die diesem Menschen für uns und mit uns gegeben waren?
Wie wichtig wurde doch nach dem Tod jedes Wort. Wie sehr haben wir uns bemüht, uns zu erinnern, wie und was gesagt wurde. Jede Tat – aufbewahrt in unserem Gedächtnis, jede Geste – bedeutsam! Jeder Blick – als wäre er gestern gewesen.
Gott ist uns nahe, zu allen Zeiten unseres Lebens! Aber auch das andere gilt: Er erspart uns nichts. Wir müssen den Tod in unserem Leben aushalten. Das Leben hat diese dunkle Seite. Sie ist kein göttliches Versehen in einer nur hell gedachten Welt. Sie gehört zum Leben. Denn erst vor dem Hintergrund des Leids und des Todes begreifen wir, was es heißt: leben dürfen, lieben, Freude haben, Glück empfinden ...
Aber: die dunklen Töne werden einmal ausklingen: „Gott wird abwischen alle Tränen von unseren Augen und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“
Halten wir uns bis dahin an der Hoffnung fest! Lassen wir uns trösten von der Zusicherung: Es wird ein Ende haben mit dem Tod. Dafür ist Jesus Christus gestorben und auferstanden. Das ist gewiss – für die Verstorbenen und einmal für uns. „Gott spricht: Seht, ich mache alles neu.“ Seine Zusage lässt uns leben.

Anika Buchert