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Apostelgeschichte 5, 29

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apostelgeschichte 5,29)

Gedanken zum Monatsspruch des Monats Juni 2021 von Pfarrer Dr. Gregor Bloch

an apg5 29Wenn man den Volksmund nach dem Wesen von Religion befragt, so antworten nicht wenige Menschen, Religion habe im Kern etwas mit Vorschriften, Geboten oder Regeln zu tun, die man gehorsam zu befolgen habe. Aus diesem Grund lehnen einige Menschen die Kirche oder religiöse Gemeinschaften ab oder gehen zumindest auf Distanz zu ihnen. Ein wirklich freies Leben, so die Überzeugung, verspreche vielmehr ein Leben ohne Religion.
Für eine solche Auffassung scheint der Monatsspruch für Juni auf den ersten Blick Wasser auf die Mühlen zu sein: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“, so lautet der Vers aus der Apostelgeschichte. Und in der Tat: Der Gedanke des Gehorsams ist in den religiösen Traditionen, insbesondere auch im Christentum und seiner Heiligen Schrift sehr präsent. Schon in den ersten Kapiteln der Bibel geht es um den Gehorsam des zuvor erschaffenen Menschen gegenüber den Anweisungen Gottes. Die Frucht am Baum der Erkenntnis im Garten Eden ist dafür ein bekanntes Symbol. Im weiteren Verlauf des Alten Testaments wird der Gehorsam des Volkes Israels gegenüber Gesetz und Geboten zur zentralen Frage über Wohl und Wehe seiner Existenz. So wird der Untergang Israels infolge der Invasion der Großmacht Babylon und die damit verbundene Deportation des Volkes in die babylonische Gefangenschaft von den biblischen Autoren als Folge des Ungehorsams gegenüber Gott gedeutet. Und auch im Neuen Testament begegnet uns der Gehorsamsgedanke – besonders prominent im wiedergegebenen Monatsspruch.
Dass der Gehorsam gegenüber Gott ein Teil des christlichen Glaubens ist, scheint keine Frage zu sein. Wohl aber, was unter Gehorsam zu verstehen ist und wie dieser mit dem Thema Freiheit zu verbinden ist. Hierzu gibt das allererste Kapitel der Bibel Orientierung, da darin eine grundlegende Deutung der Bestimmung des Menschen zum Ausdruck kommt. So heißt es in 1. Mose 1, 27 f.: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“
Gott hat uns Menschen zu seinem Ebenbild gemacht. Und als dieses Ebenbild hat er uns die Verantwortung übertragen, die von ihm geschaffene Welt zu gestalten. Genau darin besteht unser zentralster Akt des Gehorsams: Ein jeder von uns hat eine Verantwortung für diese Welt. Deshalb ist es unsere Aufgabe, uns in dieser Welt zu engagieren, damit die Bewohner dieser Welt – Mensch und Tier – ein gutes Leben führen können und eine Zukunft haben. Anders als einige christliche Strömungen es verlautbaren, geht es nicht darum, sich von der Welt abzuwenden. Vielmehr sollen wir uns ihr zuwenden: z. B. indem wir die Beziehungen zu unseren Familien, Freunden oder Bekannten pflegen und vertiefen, oder indem wir unserer Beschäftigung nachgehen oder indem wir uns ehrenamtlich in Gesellschaft, Politik oder auch in der Kirche engagieren. All das befördert die Entwicklung unserer Welt und ist ein Ausdruck unserer Weltverantwortung.
Zugleich besteht darin auch ein Moment der Freiheit: Denn jeder einzelne von uns ist frei darin, sich sein besonderes Verantwortungs- und Betätigungsfeld auszusuchen und zu pflegen. Da ist keines besser als das andere. Vielmehr hat jedes seinen Platz. Letztlich gilt es immer zu prüfen, ob das, was wir tun, für die Entwicklung dieser Welt und ihre Bewohner förderlich ist.
Gerade aus diesem Grund sind Glaube und Religion keine Freiheitsverhinderer, sondern im Gegenteil: Freiheitsförderer. Denn im Bewusstsein der Beziehung zu Gott ist uns eine Sensibilität für die Beschaffenheit und die Entwicklung unserer Welt mitgegeben, deren Gestaltung wir in aller Freiheit vorantreiben können.
Mit herzlichen Grüßen und Segenswünschen für die anstehende Sommerzeit,

Ihr Pfarrer Dr. Gregor Bloch
Juni 2021