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1. Timotheus 2, 4

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In letzter Zeit schwirrt immer wieder das Wort „Bildungsoffensive“ durch die Medien. Sei es, dass man über die Pisa-Studie berichtet oder über Schulzeitverkürzung nachdenkt oder sogar darüber, ob nicht schon in den Kindergärten Englisch unterrichtet werden müsste.
Auch wenn unsere Schüler ihre Zeugnisse nach Hause bringen, atmet der eine oder andere erleichtert auf, wenn die Noten in den Hauptfächern gut sind. Religion, na ja, das ist ja ein Nebenfach. So lang die Note stimmt, hebt es den Schnitt, und wenn es zu lästig wird, wählt man es ab.
Nach Pisa wird Wissen groß geschrieben. Und obwohl das Land gleichzeitig die Mittel kürzt, sollen die Kinder schon in den Kindergärten möglichst viel lernen.
Aber was lernen unsere Kinder und Jugendlichen eigentlich? Was und wo lernen sie wirklich „fürs Leben“? Und ich meine das wörtlich. Wo lernen sie, zu leben, sinnvoll, erfüllt, mit Respekt vor dem Anderen, in Achtung vor der Schöpfung?
Wenn ich auf die Schulhöfe sehe, dann sehe ich Kinder und Jugendliche, die fachlich viel mehr lernen müssen als ich damals – und die gleichzeitig in viel größeren Schwierigkeiten und Zukunftsängsten sind. Sie sind Produkte einer Ellenbogengesellschaft, in der das Recht des Stärkeren gilt. Wer nur den Hauptschulabschluss schafft, oder im unteren Notendrittel liegt, wird es schwer haben, seinen Platz zu finden. Sie haben Schwierigkeiten, solidarisch miteinander umzugehen, sie können vielleicht Kurven mathematisch berechnen, aber elementare Regeln des Zusammenlebens kennen viele nicht mehr. Gewalt prägt ihren Alltag, und selbst die Täter sind doch auch Opfer, oftmals aufgewachsen in einem lieblosen Elternhaus mit wenig Zeit und ohne Orientierung.
Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. Auch wir in der Gemeinde oder die Lehrer im Religionsunterricht wollen, dass unsere Kinder etwas lernen. Aber wir sind überzeugt, dass Erkenntnis der Wahrheit hier noch einmal ein ganz anderes Wissen meint:
- Das Wissen, als Mensch einzigartig und gewollt zu sein, und zwar nicht nur auf Grund meiner Leistung,
- das Wissen, gleichzeitig fehlbar zu sein, schuldig zu werden,
- das Wissen, dass mir Schuld vergeben wird (und sie auch meinem Nächsten zu vergeben).
Kurz: das Wissen, das mich fähig macht, erfüllt und zufrieden zu leben, das mich fähig zur Gemeinschaft und zur Liebe zum Nächsten werden lässt.
Und dieses Wissen haben wir mehr als nötig: „Wissen als äußere Beherrschung von Mitteln ermöglicht noch nicht verantwortungsbewusstes Handeln. Erst Bildung als Wertbewusst-sein in der Einschätzung der für das „Überleben“ und das „gute Leben“ notwendigen Zwecke begründet vernünftige Mittel- und Ressourcenverwen-dung. Die alte Unterscheidung zwischen Wissen und Weisheit ist heute mehr denn je notwendig“, heißt es in einer Studie der EKD dazu.
Der EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber beschreibt vor diesem Hintergrund ein Bildungsverständnis, das am christlichen Menschenbild orientiert ist und demnach jeden Menschen als Geschöpf und Ebenbild Gottes ansieht. Zur Bildung gehöre nicht nur Verfügungswissen, sondern auch Orientierungswissen.
Huber: „In einer Schule, die dieser Vorstellung gerecht würde, wäre Ethik so wichtig wie Englisch, Religion so wichtig wie Mathematik, Geschichte so wichtig wie Informatik.“ Deshalb plädierte der EKD-Ratsvorsitzende für eine Bildungsoffensive, „die auf die Bedeutung derjenigen Bildungsfaktoren achtet, die sich nicht rechnen.“
Deshalb auch Religionsunterricht! Machen Sie Ihre Kinder und Enkel neugierig und ermutigen Sie sie, sich damit auseinanderzusetzen.
Denn:
Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen.

Heike Stijohann