Im Mittelpunkt der Externsteine steht das Kreuzabnahmerelief, das älteste Großsteinrelief nördlich der Alpen. Es erzählt von dem, was am Karfreitag in Jerusalem geschah, aber nicht nur in Jerusalem, sondern auch im Himmel und im Totenreich.

Relief

 

Das Kreuzabnahmerelief zeigt im Mittelteil die Abnahme Jesu vom Kreuz. Der Leichnam Jesu liegt über der Schulter eines Soldaten. Der Kopf wird von seiner Mutter Maria gehalten und gestützt. Sie hat ihn gehalten als Säugling. Sie hält ihn auch jetzt nach seinem Tod - ein letztes Mal. Sie hat ihn in der Höhle ihres Leibes getragen. Und nun wird sie ihn begleiten zu seiner Grabeshöhle.
Auf der anderen Seite ist ein Stuhl, auf dem ein Soldat steht, um den Leichnam abzunehmen. Der Stuhl ist reich ausgestaltet. Ist es der Thron des Pilatus, der Thron der Hohenpriester oder ist es die herabgebeugte, zum Stuhl gewordene Irminsul der Germanen?
Rechts außen steht als Gestalt mit einem Buch in der Hand der Evangelist Johannes, nach eigener Beschreibung der Lieblingsjünger Jesu. Natürlich war er noch ohne Buch bei der Kreuzigung Jesu. Aber seine Erfahrung mit Leben und Tod Jesu hat er später aufgeschrieben. Manche Bibelausleger meinen, dass Johannesevangelium sei das älteste der vier Evangelien. Aus der guten Nachricht Jesu, dass Gott sich der Mensche annimmt, ist ein Buch geworden, dass die Geschichte Gottes erzählt.


Oberhalb des Kreuzes ist ein Geschehen im Himmel abgebildet. Sonne und Mond haben ihr Gesicht verhüllt. Sie weinen. Der biblische Bezug ist dabei die Sonnenfinsternis zum Zeitpunkt des Todes Jesu. Ein Mann mit Bart und Heiligenschein zeigt mit ausgestreckter Zeige- und Segensgeste (des Mittelalters) auf den Leichnam Jesu. Auf dem Arm trägt er eine kleine Figur sowie eine Siegesfahne mit Kreuz. Das Sterben Jesu ist das, worauf wir achten sollen und worauf der Segen liegt. Das Kreuz Jesu ist der Sieg.
Die übliche Deutung lautet, dass hier Gott-Vater die Seele Jesu (als kleine Figur) aufgenommen hat. Er verleiht Jesu den Sieg.
M.E. ist eine andere Deutung sinnvoller, da die übliche mit einem Problem behaftet ist: Gott-Vater wäre erstens dargestellt, was allein schon ungewöhnlich ist. Zudem wäre er mit einem Heiligenschein mit eingezeichnetem Kreuz dargestellt. Auch das ist zunächst völlig unüblich. Sinnvoller erscheint es mir, dass im Himmel - durch den Heiligenschein mit Kreuz gekennzeichnet, der lehrende und segnende Christus dargestellt ist. Er trägt im Arm den inkarnierten, kleinen Christus - den, der in der Welt geboren worden in Bethlehem.

Unterhalb des Kreuzes Jesu findet sich die Unterwelt, das Totenreich. Es ist anders gearbeitet als der Rest des Reliefs. Man erkennt zwei Gestalten, die auf den Knien liegen. Vor ihren Körpern ringelt sich ein Drachen - links der Schwanz, rechts der Kopf. Die Gestalten sind Adam und Eva, die durch den Tod und die Fahrt Jesu in das Totenreich zum Leben zurück gerufen sind. Sie knien, d.h., sie loben Gott. Der Tod in Gestalt des Drachen hält sie noch gefangen, aber sie sind schon nicht mehr tot.
Die Szene erinnert an die Erzählung des Matthäusevangeliums, nach der eine erste, kurze Totenauferweckung stattfand am Kreuzigungstag Jesu. Der Tod Jesu ist Leben für die im Grab. Der altkirchliche Hmynus besingt das: "Christus ist erstanden von den Toten und hat denen im Grab das Leben geschenkt!"

M.Fleck, Pfr.