Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind.“ (Sprüche 31, 8),

so rät eine Mutter ihrem Sohn, der inzwischen erwachsen geworden ist und viel Verantwortung übernommen hat, Verantwortung für ein ganzes Volk. Als König von Massa wird er im biblischen Buch der Sprüche bezeichnet, aus denen diese Worte stammen, die der Monatsspruch für den Monat Mai sind.
Mütterliche Ratschläge fallen nicht immer auf fruchtbaren Boden. Oft genug sind wir als Kinder genervt davon und gehen darüber hinweg. „Zieh nicht die Nase hoch!“, „Räum deine Sachen auf!“, so lauten solche Aufforderungen, aber die Ohren werden schon vor dem Hören „auf Durchzug geschaltet“.
 „Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind.“,
dieser Ratschlag der Mutter Lemuels, wie dieser erwähnte König von Massa heißt, ist anders, so meine ich, denn er versucht, die ganze Erfahrung der Mutter weiterzugeben.
Die Worte dieser Mutter wirken ein wenig wie Abschiedsworte, nun wird Lemuel, ihr Sohn, ins Erwachsenenleben, in seine Verantwortung als König entlassen. Sie erinnert ihn an das Rüstzeug, das sie ihm als Mutter mitgegeben hat, und daran, was die Maximen ihres Lebens waren. Daran, so hofft sie, wird er sich auch orientieren.
„Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind.“,
ob das nur Worte für Könige sind? Oder ob das auch Worte sind für uns, die „Normalen“, die nicht in der Regierung eines ganzen Landes sitzen?
Ich denke, ja. Denn Verantwortung, wenn auch nur für einen überschaubaren Bereich, tragen wir alle. Und helfen würde es, das haben wir durch die Corona-Pandemie, die nun schon über ein Jahr dauert, wenn wir mit unserem Reden und Handeln nicht nur auf uns selbst schauen, sondern das Ganze im Blick behalten – und damit eben auch die Schwachen und Entrechteten, auch die, die sonst keine Stimme haben und von allen nur übergangen werden.
„Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind.“,
diese Worte fassen unsere Aufgabe als Kirche sowie als einzelne Christinnen und Christen gut zusammen. Denn ist es nicht Gott selbst, der dies gleichsam „vorgemacht“ hat – als Befreier aus der Sklaverei, als Anwalt der „Witwen und Waisen“, als Garant für Gerechtigkeit und Frieden?
„Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind.“,
ein ursprünglich mütterlicher Rat an Lemuel, der nicht nur Ausdruck persönlicher Erfahrung ist, sondern der in der gesamten biblischen Tradition gründet.
Ein guter Ratschlag. Für uns alle.
Beispiele fallen uns vielleicht ein. Der Pfleger, der dem, was der Demenzkranke nicht sagen kann, Ausdruck verleiht, die Ärztin, die darüber spricht, dass sie ihren Urlaub in einer Krisenregion der Welt verbringt, um medizinische Hilfe zu leisten, der Schüler, der hilft Sprachbarrieren zu überwinden, die Mitarbeiterin der Beratungsstelle, die zunächst zuhört und dann handelt, wo das sonst keiner tut,…


„Schweige nicht, Mensch.
Erhebe Deine Stimme.
Schweige nicht, Mensch.
Damit Gott
nicht verstummt in der Welt.“,


habe ich passend dazu gelesen. Schön, ja weltverändernd wäre es, wenn jede und jeder so seinen Bereich entdeckt, in dem er oder sie nicht verstummt, sondern für andere Wort und Partei ergreift. Dass ihnen und uns das gelingt, nicht nur im Monat Mai, das wünscht sich


Ihr Pfarrer Matthias Zizelmann
März 2021