Gedanken zum 1. Sonntag nach Trinitatis – 14. Juni 2020

Liebe Leserinnen und Leser,

wenn wir zurückschauen in unserem Leben, dann gibt es da Zeitabschnitte, ich denke, das gilt für jede und jeden unter uns, die prägend waren. Zeiten, in denen ich vielleicht besonders glücklich war, die ich aber zumindest als Maß für andere, für spätere Zeiten betrachtet habe.
So wie bei … muss sich Liebe anfühlen.
So wie meine Mutter muss sich eine Mutter verhalten.
Wer als Trainer nicht so handelt wie …, der macht das nicht richtig.
Wenn wir genau hinschauen würden, dann würden wir merken, dass solche Blicke in die Vergangenheit oft verklärende und idealisierende Blicke sind. Höchst subjektiv. Und ganz genau betrachtet, vielleicht waren diese Zeiten gar nicht so ideal, wie sie uns scheinen.
Denn Zeiten gehen weiter, passen sich veränderten Situationen an, sind später von anderen Menschen geprägt, und oft gar nicht so viel schlechter wie die vorigen, nur eben anders.
Im privaten Leben gibt es dies.
Ich denke, diese Beobachtung machen wir aber auch im Leben von Kirchengemeinden.
Weißt du noch …?
Oder: War damals nicht alles noch besser?
Und wir merken gar nicht, Zeiten sind weitergegangen, was früher richtig war, muss es heute noch lange nicht sein. Unterschiedliche Menschen sprechen auch unterschiedliche Personengruppen an.
Gelassenheit könnte weiterhelfen.
Aber dennoch bleibt ein nagendes Gefühl, das wir so ganz nicht loswerden: Früher war alles einfach besser und schöner und perfekter.
Aus diesem Gefühl heraus, so scheint es mir, sind die Worte des heutigen Predigttextes geschrieben. Wir finden ihn am Anfang der Apostelgeschichte, die vom Werden und Wachsen, vom Leben der ersten christlichen Gemeinden folgendes berichtet:

„32 Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. 33 Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen. 34 Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte 35 und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte. 36 Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes –, ein Levit, aus Zypern gebürtig, 37 der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.“ (Apostelgeschichte 4, 32-37)

„Back tot he roots“ – „Zurück zu den Wurzeln“,
so können wir die Worte des Lukas verstehen, der die so genannte Apostelgeschichte verfasste, aus der diese Gedanken stammen.
Dies schlägt er den Gemeinden seiner Zeit vor: Orientiert euch an dieser idealen Vergangenheit christlicher Gemeinden, die es womöglich gegeben hat, die aber nun offenbar auch nicht mehr Realität ist.
Denn sonst müsste Lukas diesen Maßstab der Vergangenheit nicht ins Spiel bringen, so dass sich die gegenwärtigen Gemeinden daran messen können.
Ihre Situation sah sicherlich anders aus, Lukas sieht dies problematisch, und deshalb weist er auf die „heile Welt“ der Vergangenheit hin.
Die Zeit ist weitergegangen.
Und die Gemeinden sollen sich – aus seiner Sicht – dennoch an den Idealen der Vergangenheit orientieren.
Zunächst ist dies, so scheint es mir, ein ur-evangelisches Anliegen, das Lukas da vertritt.
„Back tot he roots“ – „Zurück zu den Anfängen“,
so könnte man auch ein wesentliches Anliegen der Reformationszeit beschreiben, die Rückkehr dazu, die biblischen Texte selbst, das Wort Gottes als Richtschnur des Handelns zu betrachten, und dabei die Tradition weitgehend außer Acht zu lassen.
„Back tot he roots“ – „Zurück zu den Anfängen“,
so hätten es auch wir nötig, werden vielleicht manche sagen.
Aber: Ist das auch richtig und zukunftsweisend?, können wir fragen.
Was schlägt Lukas zur Orientierung vor?
„Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele“,
so die erste Beschreibung der urchristlichen Gemeinde.
Und: „Auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.“,
das ist die zweite Beschreibung des Lukas, die den urchristlichen „Liebeskommunismus“ beschreibt, wie dies von Bibelforschern genannt wird. Ziel ist, so Lukas in seinen Worten weiter, die Versorgung der Gemeinde und vor allem derer, die „Mangel haben“. Dass dies aber nicht ganz funktionierte, zeigt Lukas in der Apostelgeschichte selbst, indem er von einem Ehepaar erzählt, das den Großteil des Verkaufserlöses seiner Grundstücke lieber für sich selbst behalten möchte. Hananias und Saphira überleben dies nicht, beide sterben, als sie der Lüge überführt werden.
Aber wollen wir das so?
Können wir uns das denn vorstellen, so zu leben und zu handeln in unserer Gemeinde?
Die Zeit ist weitergegangen.
Und wir sollen so handeln wie in den Tagen der ersten nachchristlichen Jahrhunderte?
„Ein Herz und eine Seele“, das sind wir sicher nicht immer. Und das waren Christinnen und Christen vielleicht noch nie, auch nicht zu der Zeit, die Lukas beschreibt.
Da gibt es Animositäten und verschiedene Meinungen.
Da wird sogar der Glaube einander abgesprochen.
Und da „menschelt“ es gewaltig.
Wenn wir in die Geschichte christlicher Gemeinden schauen, und wenn wir in unsere Gemeinde anschauen.
Was wir aber, so meine ich, gleichsam als „Richtungssinn“ der Worte des Lukas mitnehmen könnten, hinein in unser Gemeindeleben, ist, auf unseren Umgang miteinander zu achten.
Der oder die andere ist Geschöpf Gottes, wie ich selbst auch.
Das heißt nicht, dass ich deswegen alle Menschen lieben müsste.
Das heißt aber, dass sie Respekt verdient haben und die ernstliche Bemühung um gegenseitiges Verständnis.
Am Leben der christlichen Gemeinde, am Umgang miteinander sollte man schon ablesen können, dass sich hier Menschen treffen, die sich nach dem benennen, der Menschen geheilt, der ihnen liebevoll begegnet ist, und der auch die Außenseiter als zugehörig betrachtet hat. Jesus hat Grenzen überschritten, Grenzen des Anstands und des „Das-macht-man-so“, Grenzen der religiösen Gesetze  – aus Liebe tat er das. Und deshalb ist es wohl nicht an uns, solche Grenzen aufzurichten, selbst noch innerhalb der Gemeinde.
„Einmütig“ soll der Kirchenvorstand möglichst seine Entscheidungen treffen, in der Verfassung unserer Kirche hat sich etwas erhalten von diesem „ein Herz und eine Seele-Sein“, auch wenn es immer Aufgabe und manchmal auch Herausforderung bleibt.
Denn so könnten wir die Worte des Lukas doch am besten verstehen: Als Zielvorgaben, auf die es hinzuarbeiten gilt.
Das gilt auch für den zweiten Bereich, den er anspricht, den Bereich des gemeinsamen Besitzes und vor allem der Zurverfügungstellung von Gewinnen, z. B. durch Verkauf von Grundstücken.
Ich sagte schon, Ziel dieser Maßnahme ist neben einer gewissen ausgleichenden Gerechtigkeit die Unterstützung von Menschen, die in Not geraten sind.
Und dieses könnten wir uns ebenso „auf die Fahne schreiben“, auch wenn wir eine gemeinsame Verwaltung des Besitzes wohl ablehnen würden, genauso wie die Ablehnung von Privatbesitz.
Aber die „Sozialpflichtigkeit des Eigentums“ kennen wir auch heutzutage, dass, wer großen Besitz hat, also dafür auch Verantwortlichkeiten zu tragen hat.
Christliche Gemeinde sollte, dieses Ziel gibt uns Lukas zurecht vor, meine ich, eine solidarische Gemeinschaft sein.
Und die geht sicherlich weit über das Finanzielle hinaus.
Teilen können wir nicht nur Geld, das gehört auch dazu, aber teilen können wir auch Verantwortung und Lasten, teilen können wir Trauer und Herausforderungen unseres Lebens.
Keine und keiner sollte in der Kirchengemeinde ohne Ansprechpartnerin oder Ansprechpartner sein, wenn er solche sucht.
Hat das nicht gut geklappt, wenn wir auf die Corona-Tage zurückschauen?
Von Telefonanrufen hörte ich immer wieder, vom Mitbringen der „Gottesdienste zum Mintnehmen“, vom Gespräch auf der Straße, auf Abstand natürlich, vom Maskennähen für andere und Vielem anderen mehr.
So geht christliche Kirche.
Ich denke, das möchte uns Lukas heute Morgen mit auf den Weg geben.
Und nicht dadurch, dass wir uns gegenseitig kontrollieren und schlecht machen, dass wir den Respekt voreinander verlieren und die Zielrichtung auf die Liebe hin „aus den Augen verlieren“, die wir verwirklichen und leben sollen.
Denn von Gott geliebte Geschöpfe sind wir, das vielleicht das Evangelium, die „frohe Botschaft“ dieser Worte der Apostelgeschichte. Die „Menge der Gläubigen“ sagt Lukas, also die Gemeinschaft derer, die auf Gott vertrauen.
Und das können wir – auch und gerade in dieser unsicheren und unübersichtlichen Zeit.
Amen.


Gebet
Großer Gott,
du Schöpferkraft,
unaufhörlich bringst du Leben hervor.
Du bist bei uns in jedem Atemzug,
in jedem Pulsschlag,
du bist in unserem Fühlen und Hoffen,
in unserer Kraft
und selbst in unserer Müdigkeit.

Sei du da, wenn Menschen vor Freude jubeln,
wenn sie ihr Glück kaum fassen.
Wenn sie sagen: Jetzt kann uns nichts mehr umhauen!
Wenn sie sagen: Jetzt schaffen wir es allein!
Sei du dabei!

Sei du da, wenn Menschen in die Irre gehen.
Wenn Menschen, die einst neugierig auf das Leben waren, plötzlich maßlos und egoistisch sind.
Wenn sie andere Dinge wertvoller finden, als deine Jüngerin, dein Jünger zu sein.

Sei bei allen, die Zeit und Ruhe brauchen, um wieder zu sich selbst zu finden: die durch Pflichten belasteten Frauen und Männer, die an ihrem Arbeitsplatz Überforderten und die, die sich um ihre Existenz sorgen; für alle, die mit ihren Kräften am Ende sind, auch und gerade in diesen Corona-Tagen.

Sei du da, wenn Menschen dich vergessen in einer vermeintlich beherrschbaren Welt,
das Gegenteil wurde uns doch gerade deutlich vor Augen geführt.
Sei du da, wenn deine Kirche, wir Christinnen und Christen den Mächtigen nach dem Mund reden.

Sei du da, wenn Christinnen und Christen in der Minderheit leben.
Stärke ihre Kraft und Zuversicht
sowie das Gefühl unserer weltweiten Verbundenheit.

Sei du da, wenn wir für das Leben danken: Kompliziert ist es
und großartig,
ganz allein bricht es hervor und eröffnet Freiheit.
Wir begrüßen die Kommenden,
wir lassen die Scheidenden los.

Gott,
du Schöpferkraft,
unaufhörlich schaffst du das Leben.
Du bist der Raum, in dem wir sind,
und die Zeit, die uns trägt.
In deiner Gegenwart sind wir,
werden wir,
bleiben wir heil.
Amen.

Matthias Zizelmann
Juni 2020