Gedanken zum Sonntag „Rogate“ (= Betet) – 17. Mai 2020

Liebe Leserinnen und Leser,

 „Meinem Gott gehört die Welt“, so singen wir heute im Gottesdienst vor dieser Ansprache. Ein Bekenntnis, diese Worte.
Und eines, das manchmal schwerfällt noch dazu, gerade in diesen Tagen vielleicht.
„Meinem Gott gehört die Welt“, aber nicht immer können wir dies in gleicher Weise nachsprechen und uns dadurch geborgen fühlen.
„Meinem Gott gehört die Welt“, diese Worte könnten uns jedoch auch ein wenig trotzig den Raum eröffnen, den wir zum Beten brauchen, den Raum, der für möglich hält, dass das Beten, das Reden mit Gott überhaupt Sinn macht, dass da überhaupt einer ist, der mich hört, und der mit dem, was ich sage, auch etwas anfangen kann.
Nicht dass sich alles verändern würde durch das Gebet, das wissen wir alle und haben es wohl auch schon erlebt.
Aber doch so, dass sich etwas verändert.

Jesus lehrte seine Jüngerinnen und Jünger das Vaterunser, als sie fragten, was sie überhaupt beten sollten.
So ist das Vaterunser ein Gebet geworden, das uns hilft, das Unaussprechliche zu sagen. Es eröffnet uns die Möglichkeit, gleichsam uns und unsere Situation in diesen Worten wiederzufinden, unseren Dank, unsere Bitte und unsere Klage. In diesen Worten kann ich meine Gedanken mit „hineinlesen“. Und die Worte des Vaterunsers sind es, die mich in vielen Lebenssituationen begleiten, den fröhlichen, wie den traurigen, denen, die mich dankbar sein lassen, aber auch den scheinbar aussichtslosen und verzweifelten.
Das Vaterunser ein wichtiges Gebet.
Aber auch nur eines unter vielen anderen Möglichkeiten zu beten, mit Gott zu reden, eben mit vorformulierten Worten oder ganz frei.
Überhaupt mit Worten oder auch nur in Gedanken.
Allein oder mit anderen zusammen.
Wann und wo und wie beten Sie?
Beten Sie überhaupt?
Denken Sie doch einen kurzen Moment darüber nach.
Die Orgel bzw. das Klavier spielt dazu im Gottesdienst, doch auch beim Lesen haben Sie nun die Gelegenheit, Ihren Gedanken freien Lauf zu lassen, ohne sie aussprechen zu müssen.

In zwei Punkten möchte ich gerne meine Gedanken mit Ihnen entfalten:
1. Das Gebet erdet
2. Das Gebet verbindet Himmel und Erde.


Also 1.: Das Gebet erdet.
„Meinem Gott gehört die Welt“, so wird gesungen. Wer dies von Gott sagen kann, dessen Gebet macht Sinn.
Zitternd und zagend vielleicht.
Vielleicht auch zweifelnd.
Aber, ich denke, in jedem Fall weist uns das Gebet unseren Ort zu, unseren Ort auf der Erde, die eben Gott geschaffen hat.
Als Geschöpfe sind wir begrenzt. Wir können nicht alles und wir haben auch nicht alles in der Hand.
Das zeigen uns Situationen wie diese, in der wir uns gerade befinden, besonders.
Aber auch andere.
Da kommt etwas gleichsam über uns.
Und wir können nur Wege finden, damit umzugehen.
Das ist ganz natürlich.
Ich denke, auch heilsam für uns Menschen, dies zu erkennen, ich kann, ich muss nicht alles selbst regeln. Mir fehlt der nötige Überblick, mir fehlt aber auch die Macht, alles in der Hand zu behalten.
Das Gebet macht mir diese Stellung als Mensch, als Geschöpf bewusst.
Ich, ein begrenzter Mensch, auf dieser Erde.
Doch Gott, an den ich mich wende, im Himmel, der Schöpfer des Himmels und der Erde, und eben dennoch für mich ansprechbar.
„Vater unser im Himmel,
Jesus wählt eine ganz vertraute Anrede, Gott, unser Vater, so nah wie ein menschlicher Vater und eine menschliche Mutter, wenn alles gut läuft, und doch ganz grundsätzlich von mir unterschieden.
Er, im Himmel.
Ich, auf der Erde.
Und das ist gut so.
„Meinem Gott gehört die Welt“, das ist keine Einladung, sich müßig zurückzulehnen und Gott machen zu lassen.
Aber dies ist, wie ich finde, die heilsame Einladung, meinen Platz auf der Erde zu finden, diesen einzunehmen, und zu gestalten.
Und es ist die Einladung, an diesem Ort, das auszusprechen, was mich bewegt, Dank, Bitte und auch Klage.
Das kann mir helfen, in Worte zu fassen, was zunächst unaussprechlich und damit ungreifbar war.
Das kann mir helfen, meine Situation zu klären.
Aber das kann mit auch helfen, mich vor dem wiederzufinden, den ich bitten kann:
„Dein Reich komme.“
Da darf ich bedürftig sein.
Das muss ich nicht selbst leisten.
Da zählt nicht mein Wille.
Da muss und darf ich mich fügen, einfügen in den Platz, der mir zukommt.
„Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.“
Auch wenn es schwerfällt.
Jesus selbst fiel es unendlich schwer, damals im Garten Gethsemane, als er unendliche Angst hatte, Angst vor dem, was kam, Angst vor seinem eigenen Tod.
Diese ganze Entwicklung der Ereignisse wurde nicht gestoppt, auch nicht durch das Gebet Jesu.
Aber es kam dennoch gut. So können wir im Rückblick feststellen.
„Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl“,
wie Paul Gerhardt dichtete, auch in schlimmer Zeit.
Vertrauen, meinen Weg zu gehen, in Gelassenheit und Zuversicht, dazu lädt mich das Gebet ein, ganz besonders das Gebet Jesu, das Vaterunser. Denn vor Gott kann ich alles aussprechen. Ich kann aber auch meinen Platz finden. Als bedürftiges und angewiesenes Geschöpf. Angewiesen, auf den Gott, der sich mir zuwendet, der Wege zeigt und auftut, und der mich nicht alleinlässt, dadurch, dass Himmel und Erde zuweilen miteinander verbunden sind.

Deshalb 2.: Das Gebet verbindet Himmel und Erde.
„Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“,
so kann ich mich vor Gott aussprechen und ihm meine ganze Bedürftigkeit sagen, mit allem, was dazugehört.
Darin besteht die eine Richtung der Verbindung, gleichsam von unten nach oben, von Erde und Himmel.
Doch das ist nicht alles,
Was ich sage, bleibt nicht ungehört und vor allem nicht unbeantwortet.
„Unser Abendgebet steige auf zu dir, Herr,
und es senke sich auf uns herab dein Erbarmen.“,
so heißt es in einem überlieferten Abendgebet.
Doch, was in diesem Abendgebet der Kirche gesagt wird, das gilt nicht nur am Abend, sondern den ganzen Tag über und alle Tage.
Gott antwortet gleichsam mit seinem Erbarmen über uns.
Er sieht, wie es uns geht.
Ihm ist unsere Situation nicht egal.
Und er verlässt uns darin nicht.
„Sein Reich“, so sagt Jesus, ist „mitten unter uns“. Im Alltag unserer Welt verwirklicht es sich, uns immer gleich nahe und gleich fern, wenn wir uns womöglich auch unterschiedlich nahe oder fern fühlen.
Gott ist bei uns.
Und in seiner Nähe können wir tun, was notwendig ist, auch für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung seiner guten Schöpfung als Christinnen und Christen eintreten.
Denn Beten und Tun gehören unauflöslich zusammen, wie der Himmel und die Erde auch.
„Wir beten für den Frieden, wir beten für die Welt“,
wie wir im Gottesdienst musikalisch und textlich hören.
Wir lassen nicht nach in unserem Engagement für eine gerechte Welt.
Und wir bleiben in dieser einzigartigen Verbindung mit Gott im Gebet, die uns am Ende preisend und lobend, eingeordnet in das Gefüge der Welt, und vertrauend auf den nahen Gott zurücklässt:
„Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“


Gebet
Jesus Christus,
du hast uns gelehrt, wie wir beten können.
Darum kommen wir zu dir und beten dich an zusammen mit dem Vater und dem Heiligen Geist und rufen:
Vater unser im Himmel.

Erschrocken sind wir darüber, wie oft dein Name missbraucht wird.
Menschen führen in deinem Namen Kriege, üben Hass und Gewalt.
Wir bitten dich, dass wir und alle Verantwortlichen lernen,
dich in Wort und Tat zu ehren und zu fürchten.
Darum beten wir:
Geheiligt werde dein Name.

Wir sehen Leid und Unfrieden in vielen Ländern der Erde,
aber auch bei uns und in unserer Umgebung.
Wir bitten um Frieden und Gerechtigkeit
und bitten:
Dein Reich komme.

Wir sehen, wie die ganze Schöpfung ächzt durch unsere Ausbeutung,
wir sehen die Zerstörung der Regenwälder und die Gefährdung des Klimas.
Wir bitten für deine ganze Schöpfung,
Wasser, Erde und Luft,
für die Pflanzen und Tiere
und rufen zu dir:
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.

So vielen Menschen fehlt es am Nötigsten zum Leben,
Essen und Trinken,
ein Dach über dem Kopf
und die Zuwendung von anderen Menschen.
So viele machen sich gerade jetzt Sorgen um ihr Auskommen, ja um die Grundlage ihrer ganze Existenz.
Für sie alle und auch für uns bitten wir dich:
Unser tägliches Brot gib uns heute.

Immer wieder werden wir schuldig an dir und an unseren Mitmenschen.
Manchmal gewollt,
manchmal ohne Absicht verletzen wir andere Menschen.
Wir bitten dich für uns alle,
die wir schuldig werden,
und die wir unbarmherzig sind im Umgang mit anderen:
Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Macht, Geld und Reichtum, das sind die Versuchungen, die uns und so viele dazu treiben, zu tun, was nicht gut ist.
Wir bitten dich für die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft,
aber auch für jede und jeden unter uns:
Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

All das, was uns darüber hinaus bewegt, bringen wir nun in der Stille vor dich.

-    Stille –

So vertrauen wir uns miteinander dir an und preisen dich.
Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen

Matthias Zizelmann
Mai 2020
Amen.