Gedanken zum Sonntag „Miserikordias Domini“ (= Barmherzigkeit Gottes) – 26. April 2020


Liebe Leserinnen und Leser,

„Alles hat zwei Seiten – ich nehme die gute.“, so denken bestimmt manche unter Ihnen. Auch jetzt in den „Corona-Tagen“. Ich genieße das schöne Wetter, ich genieße die mir geschenkte Zeit, ich kann für andere Menschen da sein, so wie es gerade nötig ist.
Toll, dass sich so viele Menschen gerade auf kreative Ideen der gegenseitigen Unterstützung besinnen!
Schön, dass in der gegenwärtigen Krise das in den Vordergrund rückt, was wirklich wichtig ist und uns gemeinsam weiterbringt!
Doch nicht alle Menschen können so denken.
Und es gibt Situationen, die uns eine gute Seite weder sehen noch aktiv „nehmen“ lassen, so wie Sie es gerade beim Nehmen der Tüten vielleicht konnten.
„Alles hat zwei Seiten – ich nehme die gute.“, bewundernswert, wer das immer kann: Das Gute sehen, selbst im Schlechten, und es dann auch beherzt ergreifen.
Für beide, die „Abwäger“, die betonen „Alles hat zwei Seiten“, aber auch für die „Ergreifer der guten und schönen Seite der Medaille“, passt, wie ich finde, der 23. Psalm, der uns Gott im Bild des „guten Hirten“ vor Augen führt.
Einmal sehen Sie sich vielleicht eher auf der Seite dessen oder deren, der oder die Begleitung nötig hat.
Die andere Sichtweise stellt mehr meine Möglichkeiten selbst „guter Hirte“ oder „gute Hirtin“ zu werden in den Vordergrund.

„Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. 2 Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. 3 Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. 4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. 5 Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. 6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.“

„Alles hat zwei Seiten – ich nehme die gute.“
Egal, welche Seite wir für uns und unser Leben in den Vordergrund stellen, ich denke, wir haben diese bekannten Worte des 23. Psalms  nötig.
Als Erinnerung an das, was andere Menschen brauchen, und was wir uns gegenseitig sein können.
Aber auch als Erinnerung daran, wovon wir alle gehalten und getragen sind, auch dann, wenn uns zur Unterstützung anderer, die „Luft ausgeht“, auch dann, wenn Sorgen und Ängste groß und größer werden.
Mir kommen Erinnerungen an die Hirten in den Sinn, die zu meinen Kindertagen mit ihren Herden über die Schwäbische Alb zogen, an deren Rand ich geboren und aufgewachsen bin. Zum ganz selbstverständlichen Bild gehörte dies damals noch.
Hirten, die für ihre Herden sorgten. Hirten, die auch für den Erhalt der typischen Landschaft der Schwäbischen Alb sorgten.
Heute sieht man Hirten und ihre Herden nur noch selten von Weide zu Weide ziehen.
Und doch ist das Bild vom Hirten und seiner Herde eines, das wir, so denke ich immer noch unmittelbar nachvollziehen können.
Der Hirte ist einer, der - bildlich gesprochen - da ist, wenn ich ihn brauche, auch bei Wind und Wetter.
Der Hirte ist einer, der für das sorgt, was ich zum Leben brauche.
Der Hirte ist einer, der mir den richtigen Weg zeigt.
Und einer, der mir nachgeht, wenn ich von dem rechten Weg abgewichen bin – so erzählt es zumindest die Bibel.
Dabei ist es egal, ob ich menschliche oder den göttlichen Hirten vor Augen habe.
Beide sind unverzichtbar für mich.
Auch das zeigt die gegenwärtige Krise wieder neu, die hilfreiche Gemeinschaft von Menschen, die die zweite, gute Seite, darstellen kann, die ich – in diesem Fall – gerne wähle.
Sonst fällt es mir womöglich schwerer.
„Alles hat zwei Seiten – ich nehme die gute.“,
dass mir, dass Ihnen, dass uns das immer öfter gelingt, auf das Gute, das Gewinnbringende, das Schöne, selbst in der Krise zu schauen – begleitet durch „gute Hirten“ an unserer Seite -, das wünsche ich heute am Sonntag des „guten Hirten“.

Gebet
Gott,
wir bitten dich für alle,
die zu Jesus Christus gehören,
dass sie seine Stimme hören und ihm folgen –
auch in entlegenen Tälern des Lebens;
für alle,
die sich von ihm weg verirrt haben
in unwirtliches Gelände,
dass der gute Hirte sie findet und heimbringt.

Wir bitten für alle,
die gerade oder auch sonst mit ihrem Glauben alleinstehen
und sich nach Gemeinschaft – einer Herde – sehnen,
dass sie vor Mutlosigkeit bewahrt bleiben;
für alle,
die zu „guten Hirten“ oder „guten Hirtinnen“ für andere werden,
dass sie entschlossene Hirtinnen und Hirten für die ihnen Anvertrauten sind.

Wir bitten für alle,
denen Menschenleben anvertraut sind
in Erziehung, Betreuung und Pflege,
dass sie ihre Aufgabe annehmen und erfüllen
in der Liebe des guten Hirten.

Wir bitten für alle,
die ihr Leben einsetzen, um andere Leben zu retten,
dass sie in aller Gefahr stets besonnen agieren
und sich selbst gehalten wissen.

Wir bitten für die Menschen
in den Krisengebieten der Erde, in den Flüchtlingslagern an den Außengrenzen der EU und anderswo,
dass sie „gute Hirtinnen“ und „gute Hirten“ finden,
die sich für sie einsetzen,
die sie nicht übersehen und alleine lassen,
dass beide, die Geflüchteten wie ihre Unterstützerinnen und Unterstützer,
die Hoffnung nicht verlieren
und mutlos werden.

Gott,
guter Hirte.
Durch Dich sind wir alle Schafe und Hirtinnen und Hirten,
Menschen,
die hoffen und Hoffnung geben,
die getröstet sind und trösten,
die versöhnt sind und versöhnen,
die Frieden haben und Frieden stiften.
Dir sei Lob und Dank
in Ewigkeit. Amen.