Impulse zu Ostern – Ostersonntag im April 2020

Liebe Leserinnen und Leser,
vielleicht ist es auf den ersten Blick ein verstörendes Bild, das Sie da heute am Ostersonntag im „Gottesdienst to go“ erblicken: Ein Behälter, in dem achtlos weggeworfene Eierschalen legen. Fast wie ein Mülleimer.
Vielleicht ist es auf den ersten Blick ein verstörendes Bild, das sich den Frauen am frühen Ostermorgen bietet, die sich aufgemacht haben, um den Leichnam Jesu zu salben.
Der Stein, der das Grab verschloss, ist weggerollt.
Das Grab selbst ist leer.
Was soll das? Wer hat das getan? Wo ist Jesus?
Furcht und Schrecken erfasst die Frauen - so berichtet es uns die Bibel.
Die Erinnerung an die Verzweiflung des Karfreitags steigt nochmals in ihnen auf. Wie kann Gott das zulassen?
Alle Hoffnungen zerstört. Wie soll es nun weitergehen?
Das sind Fragen, die unsere Zeit gerade auch Menschen stellen mag.
Die Existenz bedroht. Die Zukunft unsicher.
Beherrschend die Sorge um die Familien.
Der Schmerz, sich nicht sehen zu können.  
Selbst dann nicht, wenn Menschen schwer erkranken.
Da muss – für die Frauen am Grab und vielleicht auch für uns heute – erst ein Engel kommen.  
Damit sich die Zuversicht, die Freude langsam und tastend ausbreitet.

 

„Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten“.

Das sagt dieser Engel den verstörten Frauen am ersten Ostermorgen in Jerusalem und heute auch uns.
Notwendige Worte – Worte, die eine Erklärung liefern.
Worte - die aber zunächst nichts als Worte sind.  
Und die die Frauen nur verstört, ratlos und verängstigt zurücklassen.
Was ist nur geschehen? Was geschieht nur gerade mit uns?


„Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich.“

So schließt der Evangelist Markus seinen Osterbericht.
Der Osterjubel braucht noch Zeit.
Der Osterjubel braucht das langsame Nachvollziehen des Gehörten.
Der Osterjubel braucht die Begegnungen mit dem auferstandenen Jesus, der sich seinen Jüngerinnen und Jüngern als der Lebendige zeigt.
Der Osterjubel braucht das Mitgehen der Osterbotschaft ins alltägliche Leben hinein. Damals wie heute.
Und der Osterjubel braucht den Umschwung der Erkenntnis und des Gefühls:
„Jesus lebt, mit ihm auch ich …“
Auch das Kunstwerk von Bernhard Stüber, das Sie auf der Karte abgebildet sehen braucht seine Zeit, um wirklich von uns Menschen entdeckt zu werden. Und am Ende spricht dieses Kunstwerk von unserer unzerstörbaren österlichen Hoffnung und Freude – in all dem Weggeworfenen und scheinbar nicht mehr Gebrauchtem.
Denn - wenn ich näher hinschaue, mich auf diese Installation
„Kreuzbehälter mit Eierschalen“ nachdenkend einlasse - dann sehe ich vielleicht zunächst eben nur die Eierschalen. Aufgebrochen sind sie.
Eier - wie wir sie zu Ostern färben und vielleicht sogar verschenken.
Aufgebrochen - so werden sie nun an Ostern für mich Zeichen des neuen Lebens. Neues Leben, das sich nicht mehr von der Schale des Eis als von der Schale unserer Sorge und Trauer festhalten lässt. „Jesus lebt, mit ihm auch ich.“
Sein Grab leer und Jesus ist der „Erstling der neuen Schöpfung“ - wie es heißt.
Das gibt mir als Mensch Kraft und Zuversicht – mitten in aller Ratlosigkeit.
So kann es Ostern 2020 werden – Kraft und Zuversicht mitten in aller Unsicherheit und Sorge dieser Zeit.
Der österliche Jubel setzt sich auch dieses Jahr hoffentlich durch. „Jesus lebt, mit ihm auch ich!“
Dann ist da noch etwas Zweites - das wir Menschen womöglich auch erst gesagt bekommen müssen. Diese aufgebrochenen Eierschalen liegen in einem kreuzförmigen Behälter aus Brot. Den durch Jesu Auferstehung überwundenen Tod sehe ich darin. Aber auch das, was ich als Mensch zum Leben brauche. Was mich sättigt. Das, was mir das Geschehen von Ostern vergegenwärtigt – immer wieder neu. Ich sehe darin das, was mir Leben ermöglicht – auch in dieser Krise. Ich sehe darin das, was erhalten bleibt – auch in der gegenwärtigen Trennung und fehlenden Gemeinschaft mit anderen Menschen.
Ich sehe darin das, was Menschen trotzdem untereinander teilen – auch und gerade jetzt. Kreativ und behutsam.
Ich sehe darin das, wozu Gott uns Menschen einlädt – das Brot des Lebens, auch wenn es gerade in unseren Gottesdiensten nicht geteilt werden kann.
Ich sehe darin das, was mich mit Gott und anderen Christinnen und Christen weltweit verbindet – das Gebet um 19.30 Uhr, wenn die Glocken läuten oder auch zu anderen Zeiten.
So kann es Ostern 2020 für uns Menschen werden.  
Ostern als unzerstörbare Hoffnung - gegen alle Hoffnungslosigkeit.
So kann ich einstimmen und österliche Freude verbreiten. Genauso wie es schon Generationen vor uns heute bekannt haben und Menschen auf der ganzen Welt auch jetzt singen und bekennen:


 Jesus lebt, mit ihm auch ich!
Tod, wo sind nun deine Schrecken?
Er, er lebt und wird auch mich
von den Toten auferwecken.
Er verklärt mich in sein Licht;
dies ist meine Zuversicht.

Frohe Ostern 2020 wünscht Ihnen Ihre
Pfarrerin Irmela Lutterjohann-Zizelmann