Der 1. Gemeindebrief 2012 ist jetzt >hier< online

„Ich bin der Weg“ (Jesus, Johannes 14,6) oder „Ich bin dann mal weg“

Eine evangelische Pastorin erzählte mir, dass sie in den Sommerferien mit ihrer Gemeinde einige Tage pilgern geht. Zunächst war ich überrascht: Gibt es in unserem nüchtern-reformierten Lippe Pilger?

In meinem Urlaub kam ich dann ins Nachdenken: Auch ich wandere gern. Hat eine längere Wandertour etwas von einer Pilgerreise? Was macht aus einem Urlaub eine religiöse Erfahrung?

Alle Kulturen und Religionen kennen Pilgerreisen und Wallfahrten. Juden pilgerten dreimal im Jahr zum Tempel nach Jerusalem. Auch Jesus beteiligten sich daran.

Im Mittelalter wurden im Christentum Jerusalem, Rom und  das spanische Santiago de Compostela zu herausragenden Pilgerorten.

In den letzten Jahren wird das Pilgern wiederentdeckt, auch von evangelischen Christen. Hape Kerkelings Bucherfolg „Ich bin dann mal weg“ hat das Reisen auf dem Jakobsweg noch populärer gemacht.

 „Pilger“ leitete sich vom lateinischen Wort „peregrinus“ ab. Zu deutsch bedeutet es „Fremdling“. Der Pilger lässt die gewohnte Umgebung hinter sich und öffnet sich für Neues. Um sich von Gott berühren zu lassen, müssen wir uns oft auf Ungewohntes einlassen.

Anders als eine kurze Wallfahrt gehört zum Pilgern ein längerer, mühsamer Weg, meistens zu Fuß. Für manche Gottesbegegnungen brauchen wir Geduld und Beharrlichkeit. Gefahren von außen und der Kampf gegen den inneren Schweinehund sind oft der Preis, um innerlich zu wachsen und von Gott geführt zu werden.

Pilgerwege geht man in einer Gruppe oder man begegnet zumindest anderen Pilgern. So persönlich die Gründe für eine Pilgerfahrt auch sind, oft ist es die Gemeinschaft, die einen trägt und durchhalten lässt.

Einige erwarten sich Entscheidendes durch  die besondere Ausstrahlung des Ziels: Stätten, wo Jesus lebte und starb, wo Heilige oder Maria wirkten oder sich zeigten. Als Protestant tue ich mich schwer mit der Vorstellung, dass Gott seine Kraft an besondere Orte bindet. Auch Marienerscheinungen und Heiligenlegenden erscheinen mir nicht immer glaubwürdig.

Doch ich kann gut nachvollziehen, dass der Weg bereits das Ziel sein kann: Das Gehen gibt Ruhe und hilft, die Gedanken zu ordnen. Nach einigen Tagen fällt es leichter, Alltagsprobleme hinter sich zu lassen und sich für das zu öffnen, was der Augenblick bietet: Die Schönheit der Natur und die scheinbar zufälligen Begegnungen. Gebete, Liedern und sinnstiftende Worte helfen Pilgern, Gottes Spuren auf ihrem Weg zu entdecken.

Pilgernde erzählen, dass so eine Pilgerreise intensive Eindrücke und überraschende Einsichten hinterlassen kann. Zugleich geben viele schmunzelnd zu, wie höchst Irdisches auch beim Pilgern unsere Gedanken bestimmt.

Wann wir etwas von Gott spüren und wie er uns nahekommt, lässt sich eben nicht erzwingen. Darin ist der Kritik am Pilgern von Reformatoren wie Luther und Calvin recht zu geben: Wenn wir mit Gott Geschäfte abschließen wie „Ich pilgere für Dich, und dafür bekomme ich...“, dann stellen wir uns über ihn und leugnen seine Größe und Freiheit.

Gott kann uns nahe kommen - auf seine Weise. Pilgern kann uns sensibler werden lassen für das, was er uns sagen will.

Spuren davon können uns begegnen, wenn wir in Bewegung kommen und uns für Neues öffnen, im Urlaub oder auf Wandertouren. Und das auch im Lipperland.