Mit Blick aufs Meer
Der erstmals 2008 erschienene Roman (im Original: Olive Kitteridge, a novel in stories) besteht, wie der englische Originaltitel verrät, aus mehreren Geschichten unterschiedlichster Menschen. Was diese gemeinsam haben, macht ihre Geschichten zu einem Roman: Das kleine Örtchen Crosby an der amerikanischen Ostküste und die pensionierte Lehrerin Olive Kitteridge, die – für den einen nervenzehrend, für den anderen tröstlich – stets Anteil an allen ‚Schicksalen' im Ort nimmt. Da ist zum Beispiel ihr eigener Mann, der Apotheker Henry Kitteridge, den die scheue, ja mäuschenhafte Persönlichkeit seiner einzigen Mitarbeiterin auf eigentümliche Weise gefangennimmt, ohne dass er selbst sich dies erklären könnte. Eine weitere „story" erzählt von einem ehemaligen Schüler Olives, der nach langer Zeit an den Ort seiner Kindheit zurückkehrt, weil ihn die tragische Geschichte seiner Familie eingeholt hat. Strout (2009 für diesen Roman mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet) schildert den Alltag, die Beziehungen, die Ansichten und Träume ihrer Figuren in einer recht sachlichen, zuweilen gewitzten Sprache, welche die Romanfiguren durch wenige Äußerungen oder Gesten sehr menschlich und authentisch gestaltet. Die für Romane ungewöhnliche Episodenstruktur wirkt nicht konstruiert – gerade dieser Aufbau eignet sich besonders gut für das Kleinstadtpanorama, das wie an allen Orten der Welt auf menschlicher Ferne und Nähe, auf Abscheu und Zuneigung, auf Trauer und Hoffnung gründet. (351 Seiten)
Claudia Röhne
(vorgestellt im März 2011)
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